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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Köcherfliege (Trichoptera)



Georg
29.11.10, 15:17
714Systematik: (http://www.gw-forum.de/showthread.php?148-Einf%C3%BChrung-in-die-Biologische-Systematik-%28Taxonomie%29)

Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Fluginsekten (Pterygota)
Überordnung: Neuflügler (Neoptera)
Ordnung: Köcherfliegen (Trichoptera)

Allgem. Beschreibung: In Mitteleuropa sind ca. 900 Arten von Köcherfliegen, in Deutschland immerhin 300 Arten bekannt (http://www.trichoptera-rp.de/Tricho-Checkliste_Deutschland-2008.pdf), die Körperlänge der Tiere beträgt zwischen 1,5 und 40 mm, die Flügelspannweite zwischen 3 und 68 mm. Die kleinsten mitteleuropäischen Arten gehören zur Familie Hydroptilidae (ca. 3mm, Flügellänge ca. 5 mm), die größte mitteleuropäische Art ist Phryganea grandis mit 60 mm. Aufgrund der Umfangreichen Thematik und unzähliger Arten möchte ich mich hier nur auf 716das Wesentliche beschränken und verzichte deshalb weitestgehend auf artspezifische Details.


Namensgebend sind die Wohnröhren der Larven. Diese werden aus Substratelementen wie z.B. Steinen, Sand, Schneckengehäusen, Schilfstückchen oder Totholz mithilfe eines Sekretes aus der Labialdrüse am Kopf zusammengeklebt.
Man unterscheidet die Trichopteralarven in 2 Typen:

Annulipalpia - Campodeide Larven (nach vorn gerichteter Kopf, abgeflachter Körper)

und 715

Integripalpia - Eruciforme Larven (nach unten abgewinkelter Kopf, walzenförmiger Körper)

Natürlich werden diese Unterordnungen auch noch in Überfamilien eingeteilt, soll ja nicht zu einfach werden:

Annulipalpia:

Rhyacophiloidea (frei lebend, oder transportable Köcher)
Hydropsychoidea (netzspinnend oder ortsfeste Köcher)

Integripalpia:1574

Limnephiloidea (transportable Röhrenköcher)

Obwohl ich es einfach halten wollte, möchte ich auf einige grobe familiäre Zuordnungen dennoch nicht verzichten, da sie anhand der Köcherform relativ gut auseinander gehalten werden können.

Glossomatidae -> hoch gewölbte, kurze Steinhäufchen, Schildkrötenpanzerähnlich
Beraeidae -> glatte gebogene Sandköcher
Goeridae -> kurze gerade Köcher aus gröberen Steinchen
Lepidostomatidae -> vierkantige Köcher aus Blattstückchen
Thremmatidae -> mützenförmiger Köcher
weitere Informationen gibt es hier: Trichoptera - Eine Bestimmungshilfe
(http://www.gw-forum.de/showthread.php?587-Trichoptera-Eine-Bestimmungshilfe&p=4619#post4619)Folglich sind die Bilder auf der rechten Seite Goeridae bzw. Lepidostomatidae zuzuordnen.
1709Es gibt aber auch völlig frei lebende Köcherfliegen, die keinen Köcher bauen, hierzu zählen z.B. die Hydropsychidae, oder die Rhyacophilidae.

Beschreibung: Ein auffälliges Merkmal der Köcherfliegen sind die mehr oder weniger stark behaarten Flügel, von denen sich der Name dieser Ordnung ableitet (Trichos, griech.=Haar; Pteron, griech.= Flügel, Feder). Diese sind in Ruhe dachartig auf dem Hinterleib der Tiere zusammengelegt. Die Vorderflügel sind meist bräunlich oder gelblich gefärbt (manchmal weißlich oder schwarz) und oft gefleckt oder gemustert. Die Vorderflügel sind meist länger als die Hinterflügel, da diese breiter sind, ist ihre Fläche nahezu gleich groß. Der Körper der Köcherfliegen ist lang gestreckt, der Hinterleib ist walzenförmig. Die Fühler sind schnurförmig und meist sehr lang, ihre Länge kann die Körperlänge deutlich übersteigen. Die Imagines ernähren sich hauptsächlich von Nektar, die sie mit den Mundwerkzeugen aufsaugen, die Larven hingegen ernähren sich z.T. räuberisch aber auch rein pflanzlich und tragen so zum Abbau von eingefallener Biomasse bei.

Unsere Köcherfliegen sind in der Regel Dämmerungs- und Nachtaktiv, die Kopulationsphase verläuft in Paarungsschwärmen, die beeindruckende Größen entwickeln können, einige sollen sogar schon auf Radar- und Satelitenbildern nachgewiesen worden sein. Nach Erfolgter Paarung werden die Eier ins Wasser, an Substrat geklebt oder auch außerhalb des Wassers abgelegt, hier gibt es wieder diverse "Gewohnheiten" der einzelnen Arten. Nachdem die Larve geschlüpft ist benötigt sie 5 Häutungsphasen bis zur Verpuppungsphase. Nach etwa 4 Wochen Puppenruhe in ihrem Köcher (natürlich nur bei Köcherbauenden), schwimmt/kriecht die Köcherfliege aktiv zur Wasseroberfläche um dort aus dem "Cocon" zu schlüpfen, dies erfolgt wieder in der Dämmerungs-/Nachtphase. Die Lebensdauer der Imagines beträgt zwischen 14 Tagen und 6 Monaten, auch hier wieder der Hinweis auf die unzähligen Arten.

Die Köcherfliege und ihre Larve gehört zu den wichtigsten Bewohnern des Makrozoobenthos, sie als Indikator der Wasserqualität zu verwenden, ist aber schwierig. Die meisten Arten kommen zwar in Gewässern der Güteklasse I-II vor, es gibt aber auch zahlreiche Vertreter, die sich nicht an Güteklassen halten, so kommen Trichoptera nicht nur in Fließgewässern, sondern auch in stehenden Gewässern vor.

Weiterführende Literatur: Köcherfliegen, Baukünstler und Bioindikatoren unserer Gewässer (http://www.fachdokumente.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/50142/koecherfliegen.pdf?command=downloadContent&filename=koecherfliegen.pdf&FIS=200)(pdf)

Mattes
07.03.11, 17:37
Hier einige Bilder von verschiedenen Köcherfliegenlarven.

Fundort: Heitkampsee - an geborgener Wurzel


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Aus dem letzten Bild kam es mir ein wenig so vor, als würde sie mir winken.

Hinweis: Alle Bilder dieses Beitrags dürfen ohne weitere Rückfrage kopiert und veröffentlicht werden. Einzige Bedingung: Hinweis auf den Autor und ein Link auf das Forum unterhalb des Fotos in lesbarer Größe. Beispiel: Veröffentlichung genehmigt vom Matthias David (http://www.gw-forum.de/)

Mattes
07.03.11, 17:53
Und noch ein paar Bilder

gleicher Fundort.

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Hinweis: Alle Bilder dieses Beitrags dürfen ohne weitere Rückfrage kopiert und veröffentlicht werden. Einzige Bedingung: Hinweis auf den Autor und ein Link auf das Forum unterhalb des Fotos in lesbarer Größe. Beispiel: Veröffentlichung genehmigt vom Matthias David (http://www.gw-forum.de/)

dat_geit
11.03.11, 16:04
Die Fotos sind gut aufgelöst.
Setzt du bei deiner Makrofotografie eine digitale Spiegelreflex ein?

Mattes
11.03.11, 18:12
Hi Andreas,

im Gelände, zum Beispiel bei den Kröten, habe ich nur eine kleine Kiste dabei. Eine Casio EX-G1. Wasser- und Rotzfest. Mit der ganzen Erde und dem Schleim an den Fingern kommt das sonst nicht so gut.

Bei gutem Wetter oder zu Hause nehme ich eine Nikon D700, in diesem Fall mit dem 105er Micro-Nikkor. Für die Härtefälle überlege ich gerade die Anschaffung eines Zwischenrings.

dat_geit
12.03.11, 13:01
Puh, was fü ne Ausstattung.
Da habe ich meinen Schwerpunkt zu lange auf das Angelgerät gelegt.:grins:
Nee, ich hab allein im letzten Jahr 500,-€ für Fachliteratur ausgegeben.......na mal sehen wie es dieses Jahr weiter geht.

Georg
18.06.11, 21:58
Hier noch ein paar Bilder von Köcherfliegen-Larven:
Fundort: Kiessee NRW

1869
1870

Georg
12.06.12, 17:38
Mir ist es heute beim Fliegenfischen gelungen, eine kleine Serie einer Köcherfliegenlarve zu schießen,
die Fotos entstanden mit meiner "Taschenknipse" und in der Hand gehalten, was die mäßige Qualität erklärt.
Ich wollte die Köcherfliege nur um der Fotos Willen nicht mit nach Hause nehmen,
sie hat sich, wieder im Wasser angekommen, direkt auf den Weg ins Totholz gemacht.

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Georg
05.09.12, 20:32
Hier zwei Imago´s der Familie Mystacides spec.:
5880 5879
Ob es sich nun um Mystacides nigra oder Mystacides azureus handelt, kann nur per mikroskopischer Begutachtung der Geschlechtsorgane exakt bestimmt werden.

Fundort: Baden-Württemberg, Fließgewässer, Saugraben


Zu guter Letzt auch noch zwei Larven aus der Überfamilie der Limnephiloidea:
5881 5882
Da wir darauf verzichtet haben, die Larven aus ihren Köchern zu extrahieren, erfolgte nur eine Einteilung in die Überfamilie.

Fundort: Baden-Württemberg, Stillgewässer, Prestelsee

Mattes
05.09.12, 22:02
Faszinierend!

Beide aus dem gleichen See, beide unter Totholz vor dem Prädatoren gesichert aufgefunden.

Die eine baut ihr Haus rein aus Holzstückchen, die andere ausschließlich aus Schnecken- und Muschelresten. Letzteres dürfte selten sein.

Aufgrund der Spezialisierung ist kaum von der gleichen Art auszugehen.

franz
06.09.12, 06:22
Hallo zusammen!

Bei einer stauraumspühlung am tiroler inn wurde ungefähr sichtbar, wie viele köcherfliegenlarven sich in dieser fließstrecke aufhalten.
https://picasaweb.google.com/105094197939572062454/StauraumspuhlungTirolerInn#

und noch ein foto von der fließstrecke des inns bei rosenheim im frühjahr aufgenommen.

http://flussfreiheit.at/koecherfliegenlarven_inn.JPG

Jetzt dann im herbst wenn man den richtigen zeitpunkt erwischt, kann man den schlupf beobachten.

VG franz